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Die komplexe Arbeit

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Arbeit 4.0. Digitales Zeitalter. Schnelllebig. Herausfordernd. Die Arbeit ist komplex geworden, sowohl auf Unternehmens- als auch auf Mitarbeitenden-Seite. Arbeit galt früher ausnahmslos der Existenzsicherung. Heute ist es schwierig, einfache Worte für die «produktive Tätigkeit» zu finden. Zu komplex ist unsere heutige Zeit, zu schnell verändern sich Strukturen und zu individuell werden unsere Bedürfnisse. Da kann man schon schnell den Überblick verlieren, es sei denn, man versucht einige wichtige Trends nachzuvollziehen. Hier der Versuch.

«Arbeit ist Erfüllung.» Das ist oder sollte zumindest der Wunsch eines jedes Menschen sein. Schliesslich definiert sich der Mensch heute immer mehr über seine Arbeit. Gerade jüngere Generationen wollen glücklich sein und streben eine perfekte Work-Life-Balance an, statt sich ein Leben in Saus und Braus zu sichern: Geld und Luxus ist gut und recht, aber Familie und Freiheit sind wichtiger. Das hat sicher einerseits damit zu tun, dass unsere Eltern für viele von uns die Existenz bereits gesichert haben und wir – sofern wir wollen – darauf aufbauen und somit unserem Glück nachgehen können. Die Karriere schlägt also den direkten Weg der Superlative ein, nämlich dem Streben nach Selbstverwirklichung.

Die Selbstverwirklichung

Mit der Selbstverwirklichung wird die Arbeit zum Lebensinhalt. Wir wollen alle zuoberst ankommen. Ich spreche hier nicht von der sichtbaren Karriereleiter, die alle Menschen auf einem CEO-Posten zeigt. Ich spreche von der individuellen Karriereleiter: Die Leiter, auf der wir unsere Berufung ausüben oder einer Tätigkeit nachgehen, die uns erfüllt. Eine Arbeit, wo wir unser ganzes Potenzial voll ausschöpfen und eigene Talente einbeziehen können. Die Erfüllung liegt aber nicht nur in der Selbstverwirklichung oder im Ausüben des Traumberufes selbst. Wie angedeutet, es geht nicht darum möglichst viel «Kohle» zu scheffeln. Das wäre gar fest schwarz und weiss betrachtet.

Gerade Friseur*innen, die tagein, tagaus Haare schneiden, färben und waschen, verdienen kaum etwas. Sie schuften, damit der Lohn bis zum nächsten Zahltag ausreicht. Wie gestaltet sich also die Selbstverwirklichung für Personen mit einem handwerklichen Beruf und erst noch jemand aus meiner Generation? Was ist mit der perfekten Work-Life-Balance? Friseur*innen können nicht gemütlich von zuhause aus arbeiten oder über Zoom neue Haarprachten zaubern. Nein. Das wäre dann wirklich Zauberei! Würden Friseur*innen den Job nicht gerne machen, dann hätten sie auch keinen Anreiz, in diesem Beruf zu bleiben. Also ist auch das eine Form von Erfüllung.

Es ist klar, nicht wenige suchen heute die Berufung oder die Erfüllung über ihr Hobby. So ist beispielsweise die Zahl von Influencer*innen oder TikTok-Stars in den letzten Jahren so stark in Höhe geschnellt, dass das Hobby zum Beruf wurde. Ich muss also schon gestehen: Menschen, die ihre Berufung oder Erfüllung über ihr Hobby finden, ja, das sind Glückspilze.

Erfüllung allein reicht nicht aus

Neben dem Wunsch, einen erfüllenden Beruf auszuüben, gibt es noch ein weiteres Bedürfnis, das relativ weit oben auf der Wunschliste vieler steht: Sich möglichst viele Optionen offen halten. Einige würden jetzt behaupten, dass es vor allem meine Generation betrifft. Die Generation, die sich die Freiheit nimmt, zu sagen: Alles kann, nichts muss.

Mag sein. In der Arbeitswelt kann aber eine solche Einstellung (gerade für Millennials) eine grosse Herausforderung darstellen. Wie kann man sich denn am besten die «Optionen offen halten»? Eine mögliche Antwort auf diese Frage fand ich in der nächsten Frage: Was willst du sein: Spezialist*in oder Generalist*in?

Wer seine Berufung gefunden hat, wird sich seinen beruflichen Weg ziemlich einfach ausmalen können. Denn diese Person weiss genau, welche Weiterbildungen, Kurse, Seminare – also Spezialisierungen – notwendig sind, um an ihr berufliches Ziel zu gelangen. Auf der anderen Seite gibt es aber Menschen, die nicht so schnell – vielleicht auch nie – eine Berufung finden und ewig auf der Suche nach dem perfekten Job sind. Da ist es schon schwieriger herauszufinden, welche Spezialisierung infrage käme. Solche Menschen tendieren schliesslich dazu, immer etwas Neues auszuprobieren und sich sehr unterschiedliche Qualifikationen anzueignen. Sie werden also in die Kategorie der Generalist*innen eingestuft. 

Spezialist*in vor Generalist*in oder vice versa?

Es stellen sich nun weitere Fragen: Welche Kategorie wird in Zukunft entscheidend sein? Welche Unternehmen setzen auf welchen Typen? Auf der einen Seite prognostiziert die Wissenschaft einen Aufwärtstrend in der Spezialisierung. Quasi: Es werden Arbeitnehmende nach Mass gesucht. Also erfordert das Spezialist*innen. Auf der anderen Seite gibt es aber Studien, die darauf hinweisen, dass Generalist*innen Spezialist*innen auf lange Sicht überlegen seien. Was ist jetzt richtiger?

In der Kolumne Krogerus & Tschäppeler (das Magazin) lautet die Antwort: Seien sie ein spezialisierter Generalist. Lapidar in meinen Worten: Sei die Schnittstelle. Das heisst, um den Status des spezialisierten Generalisten resp. der spezialisierten Generalistin zu erreichen, soll man nicht versuchen, in einem Bereich die*der Beste zu werden. Man soll sich zwei Bereiche aussuchen, die man nur schlecht kombiniert kombinieren kann, und in beidem gut sein.

Ein Beispiel: Friseur*in & Psycholog*in. Zwei komplett verschiedene Berufe, an und für sich nicht vergleichbar, wenn man aber darüber nachdenkt, dann sieht man die Schnittstelle: Friseur*innen schneiden nicht nur Haare, sondern geben sich auch der Sprechlaune ihrer Kund*innen hin. Und was tun Psycholog*innen? Auf jeden Fall nicht Haare schneiden.

Was tun Unternehmen?

Die schnelllebige Arbeitswelt stellt nicht nur Arbeitnehmende vor eine Herkulesaufgabe. Auch Unternehmen müssen sich je länger, je mehr damit abfinden, dass Bedürfnisse und Anforderungen sich rasch und insbesondere ständig verändern. Hat sich eine HR-Methode in einem Unternehmen endlich etabliert, folgt oft schon die Nächste. Dabei Schritt zu halten, ist nicht einfach. Und sowieso: Wie behält man da den Überblick? 

Ich denke, dafür ist das Mindset von Unternehmer*innen entscheidend. Entweder man geht mit der Zeit, bleibt flexibel oder: Man bleibt auf Altbewährtem sitzen. Und wir wissen es alle (früher oder später): Altbewährtes wie Grossmutters Marmorkuchen ist goldwert, aber Altbewährtes aka Strukturen, eher weniger. Denn es ist ein Fakt: Der, der nicht stehen bleibt, ist der Mensch.

Du, ich, wir.   

Und Studien belegen es am Ende auch: Der Mensch braucht immer mehr eine erfüllende Arbeit. Ein Unternehmen, mit welchem er sich identifizieren, einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen und etwas bewegen kann. 

Werte bestimmen Identifikation

Hier möchte ich abschliessend sagen, dass ich auf der Seite der Arbeitnehmenden es äusserst wichtig finde, was für eine Kultur ein Unternehmen vorlebt und welche Werte dabei im Vordergrund stehen. Man darf einerseits nicht vergessen, dass gerade Millennials – also meine Generation – in den nächsten Jahren immer mehr zu Führungskräften werden. Dasselbe gilt für Unternehmenskulturen. Andererseits gehören schon heute 50 % der Arbeitnehmenden zur Generation Y (2025 sind es bereits 70 %). Und hier möchte ich auch noch anfügen, dass sechs von zehn Millennials ein Unternehmen aufgrund seiner strategischen Ziele auswählt und nicht wegen Boni, Ferien und verbesserten Sozialleistungen. 

Materiell war also gestern. Was es im Grunde genommen braucht, ist eine Veränderung. Millennials sind tatsächlich noch zu jung, um an der Führungsspitze eine Mehrheit zu bilden. Die jetzigen Entscheidungen liegen also nach wie vor bei den Unternehmer*innen, die – entschuldigt die Kategorisierung – etwa im Alter meiner Eltern sind (v. a. Generation Babyboomer). Es ist mir absolut bewusst, dass es nicht einfach ist, die neuen Generationen zu verstehen. Aber drum herum kommt ihr wirklich nicht.

Wäre es nicht viel schöner, motivierte, glückliche und engagierte Mitarbeitende zu haben, anstatt im Schnitt alle zwei Jahre wichtiges Know-how zu verlieren? Nur so ein Gedanke.

 

Quellen: