Das Netz der Zukunft

Lesedauer: 6 Minuten

Wer es richtig tun will, der braucht dafür Zeit. Wer es pflegen will, braucht Disziplin. Wer davon profitieren will, braucht Geduld. Die Rede ist von Networking. Ein Nebenjob fürs Leben und ein exorbitantes Plus für jede*n. Ist es aber wirklich notwendig, sich das Networken zur Berufsaufgabe zu machen?

Einmal mehr schreibe ich über ein Wort, das seinen Ursprung aus dem Englischen hat: Networking. Für Berufstätige ein bekannter Begriff. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) definiert Networking als «Knüpfen und Pflege von Kontakten und Beziehungen zum gegenseitigen (besonders beruflichen) Nutzen.» Dieses Netzwerken ist in der heutigen Zeit schon fast ein Muss und für Unternehmer*innen gar nicht mehr wegzudenken. Vor noch nicht so langer Zeit bewegte sich das Netzwerken ausschliesslich in exklusiven Klubs (Rotary, Zünfte etc.) und an Businessevents. Mit dem Auftauchen von Social-Media-Plattformen wurde aus dem eher statusfokussierten und prestigereichen Business-Austausch ein heterogenes Mittelfeld, zugänglich für alle. Bevor ich aber das Jetzt schildere, springe ich mit dir für einen kurzen Augenblick zum Ursprung zurück.

It’s a Man’s World

Es ist gar nicht so einfach, auf die Anfänge des Networking zu stossen. Es kursieren verschiedene Thesen im Internet und auch der Blickwinkel ist entscheidend. Wäre ich auf der Suche nach Parallelen zu den heutigen sozialen Plattformen, dann würde gemäss meiner Recherche der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim wohl als der Erfinder von Facebook gelten. Er, im 18. Jahrhundert lebend, sammelte von all seinen Gästen Porträts und verewigte sie an einer Wand. Sein «Freundschaftstempel» wäre heute die physische Form unserer Freundesliste auf Facebook. Da der Fokus dieses Beitrages allerdings im Wort Networking selbst liegt, steuere ich nun auf Verbindungen zu, die als den Ursprung des Netzwerkens beschrieben werden.

Grundsätzlich kann man behaupten, dass das eigentliche Networking – so wie wir es heute kennen – erst vor gut 200 Jahren entstand. Eine heute nach wie vor bekannte Form von Networking ist in Business Clubs zu finden. So schlossen sich im 19. Jahrhundert Geschäftsmänner zusammen und tauschten sich aus. Solche Klubs waren damals ausschliesslich für die Reichen reserviert, zumal sie die Einzigen waren, die sich die Klubbeiträge leisten konnten. Noch heute existieren überall auf der Welt solche Klubs und sind in den Augen vieler mit Prestige und Status verbunden.

Das (Kaffee-)Kränzchen für Mann und Frau

Eine ähnliche Form von Networking war auch in deutschsprachigen Studentenschaften zu finden. Im Ausgang des 18. Jahrhunderts entstanden Burschenschaften, Kränzchen, später (zu Beginn des 19. Jahrhunderts) Corps, die vor allem die Liebe zur Tradition feierten und ein eher bürgerliches Weltbild zeigten. Auch in solchen Verbindungen durfte nicht jedermann beitreten; wer sich unterwerfen liess, das Aufnahmeritual sowie die Probezeit bestand, wurde aufgenommen. Recherchen zeigen, dass solche Studentenverbindungen theoretisch bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Es scheint allerdings keine Einigkeit im Web zu herrschen und es kursieren Behauptungen, dass solche Verbindungen mit Mythen und Halbwahrheiten vorbelastet sind.

Übrigens existierten etwa zur selben Zeit auch Damenkränzchen, heute besser bekannt als Kaffeekränzchen. In solchen Kränzchen beteiligten sich oftmals unverheiratete Frauen gehobenen Alters, die zur bürgerlichen Frauen- und Mädchenbewegung gehörten – analog Burschenschaften. In England galten solche Kränzchen als «tea parties». Ich vermute, dass aufgrund der englischen Übersetzung die heutige Kränzchen-Begriffserklärung als, ich zitiere, «kleine Gruppe von Damen, die in regelmässigen Abständen zur Unterhaltung zusammenkommt» (DWDS) angesehen wird.

Ein Netzwerk für mehr Vitamin B

Noch heute existiert das Face-to-Face-Networking in Form von Business Clubs, Berufsverbänden oder an gewissen Wirtschafts- oder Sportevents. Der eigentliche Status quo im 21. Jahrhundert hat sich aber von «prestigereichen Klubs» auf eine einfachere – glücklicherweise – günstigere Plattform verschoben: Social Media – ein fast vier Milliarden grosses Netz an Nutzer*innen. Wer heute auf ein gutes Netzwerk hofft und Geschäftsbeziehungen aufbauen möchte, bedient sich der Plattform LinkedIn. Die Plattform hat sich als Karrierenetzwerk etabliert und grundsätzlich dreht sich dort alles ums «Business». Über 700 Millionen Nutzer*innen weltweit besitzen bereits ein LinkedIn-Profil und die Tendenz ist weiterhin markant steigend. Schon allein in den letzten zwei Jahren konnte LinkedIn über 40 Millionen Nutzer*innen dazugewinnen und sich als benutzerfreundliches, vielfältiges und interaktives Netzwerk in der Social Media-Landschaft positionieren.

Wer in seinem Netzwerk wichtige Kontakte besitzt, kann sich in erster Linie eine beachtliche Reichweite verschaffen. Denn: Bei LinkedIn geht es nicht darum, wen du kennst, sondern auch um die Kontakte deiner Kontakte. Überdies haben Stellensuchende die besten Chancen, eine neue Herausforderung unter der Hand zu bekommen. Ein Post, eine Statusänderung oder eine Markierung im Profilbild genügt meistens, um das eigene Netzwerk darauf aufmerksam zu machen. LinkedIn ist quasi eine Wunderwaffe, wenn es ums Vitamin B geht. Ich habe mich lange gegen ein solches Netzwerk und gegen das Vitamin B gesträubt, bis ich realisierte, wie viele Stellen nicht ausgeschrieben werden. Gemäss aktuellen Zahlen werden nur 30 % der Stellenanzeigen veröffentlicht. Der Rest wird intern oder – eben – unter der Hand vergeben. Das sind ganze sieben von zehn Jobs! Das klingt im ersten Moment unfair, aber so funktioniert nun mal der Arbeitsmarkt. Vitamin B, Vitamin B und nochmals: Vitamin B!

Wind of Change

Erinnerst du dich noch an deine Anfänge des Networkings? Das war sicher keine einfache Aufgabe. Entweder man hat sich stets im gleichen Kreis, ergo in der gleichen Reichweite bewegt oder musste sich an Events von der Glanzseite zeigen, um überhaupt attraktive Angebote zu erhalten. Beides war zweifellos mit viel Aufwand verbunden, schliesslich musste man die Kontakte auch noch pflegen (Kaffee hier, Mittagessen da). Heute hat jede*r die Möglichkeit, alles mit einem Post eines lesenswerten Artikels zu erledigen. Oder man meldet sich mal wieder, indem man z. B. mit einem vorprogrammierten Button zum Geburtstag gratuliert. Es war also noch nie so einfach wie heute, den Vitaminspeicher aufzutanken und zu «boosten».

Für Unternehmen gilt übrigens dasselbe in Grün. Die Arbeitswelt hat sich verändert, mit ihr auch die Kommunikation. Ein Unternehmen gelangt heute mit Social Media relativ kostengünstig und zeitnah an seine Kund*innen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich um ein Produkt handelt oder der eigene Brand in den Vordergrund gestellt wird. LinkedIn beispielsweise hat für fast alles die richtige Lösung. Insgesamt sind 50 Millionen Unternehmen aktiv. Pro Sekunde werden nota bene 55 Stellenanzeigen rund um den Globus geschaltet. Also unterschätzen sollte man Social Media wirklich nicht.

Ein Nebenjoböbli

Wenn ich nun zurück auf den Anfang des Beitrages komme, dann stimmt es nicht ganz, was ich behauptet habe. Es ist richtig, dass man für ein gutes Netzwerk Zeit und Geduld braucht, aber längst nicht mehr so viel wie früher. Von Disziplin ist überhaupt keine Rede mehr. Wichtig ist, dass alle die Regeln einhalten und das Netzwerk nicht mit Belanglosigkeiten bombardieren, sonst geht der Schuss nach hinten los. Auch beim Networking ist eine akkurate Kommunikation nicht zu vernachlässigen. Ich werde mir das Networking wohl nie zur Berufsaufgabe machen. Bei mir wird es wohl bei einem Nebenjöbli bleiben, schlichtweg deswegen, weil ich mich Tag ein Tag aus auf Social Media bewege. Wie ist es bei dir?

Ein paar LinkedIn-Tipps:

  • Profil ohne Foto: a no no! So wird dein Profil nicht ernst genommen.
  • Keywords: are the key. Noch besser wäre englischsprachiges Profil. Deutsch reicht aber vollkommen – mit guten Schlüsselwörtern.
  • LinkedIn: is business. Bleib also plus minus formell
  • LinkedIn: is business 2.0. Das «Fübi»-Foto und herzige Katzenvideos gehören aus LinkedIn verbannt. Dafür dient dein Facebook- oder Instagram-Account.
  • Teilen: gleich Mehrwert. Dein Netzwerk soll auch profitieren dürfen. Die Qualität ist entscheidend.
  • Teilen 2.0: Einfach kommentarlos etwas losschicken, ist nur die halbe Miete. Dein Netzwerk soll wissen, warum du genau diese Information mit ihm teilst.
  • Hashtags: #dieweltinderalgorithmenregieren. Ich mag die auch nicht. Aber du willst auch ausserhalb deines Netzwerkes sichtbar sein, oder?

Quellen