Ich bin nicht kreativ. Ich bin lösungsorientiert!

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Wenn wir über das Wort Essen sprechen, wissen wir alle, was es bedeutet. Unter Umständen läuft uns schon das Wasser im Mund zusammen und wir denken an unser Lieblingsgericht oder an den würzigen Geschmack einer Spaghetti-Sauce. Im Gegenzug gibt es Wörter, die zwar oft benutzt werden, jedoch in ihrer Bedeutung unklarer sind. So beispielsweise mit Kreativität. Woran denkst du, wenn du dieses Wort hörst?

Kreativität ist eines dieser Wörter, welches mich bereits mein ganzes Leben lang begleitet. Wenn ich dieses Wort benutze, ist die Reaktion darauf jedes Mal eine andere. Einige halten wenig von diesem Wort, andere haben nur Fragezeichen im Gesicht und wieder andere ein Lächeln auf den Lippen. Keine einfache Sache also, vor allem als ich früher meine Kreativ-Workshops verkaufen wollte. Es war eine Lotterie, ob jemand davon begeistert war oder eben nicht. Ausschlaggebend war, was diese Person unter dem Wort Kreativität abgespeichert hatte. Mit der Zeit wurde mir das zu bunt und ich beschloss, mich näher mit dem Wort und dessen Bedeutung auseinanderzusetzen.

Die vielen Gesichter der Kreativität

Aufschlussreich sind immer Recherchen, so auch über die Kreativität. Doch…statt einer klaren Definition, findet man 1000 verschiedene Interpretationen dazu. Diese gehen von «Kreativität ist die Fähigkeit, etwas Neues zu schaffen» (Barron, 1965), bis zur simplen Duden-Definition «schöpferische Kraft, kreatives Vermögen» oder anders ausgedrückt, Kreativität sei die Eigenschaft eines Menschen, schöpferisch oder gestalterisch tätig zu sein. Heute – gerade auch im Zusammenhang mit der Arbeitswelt – wird Kreativität neu bewertet. Diese Neubewertung entfernt sich von der «schöpferischen Freiheit» und definiert sich neu als kreativer Leistungszwang (Goethe-Institut, 2013). Es erstaunt deshalb kaum, fürchten sich so viele Menschen vor der Kreativität. Wer kann schon allen Arten der Kreativität gerecht werden und sie unter einen Hut bringen? Heutzutage muss man überall kreativ sein: beim Kochen, Backen, Musizieren, Gärtnern, Basteln, Malen, usw. Kein Wunder ist dieses Wort nicht nur positiv behaftet, bei all dem Druck, der sich dahinter verbirgt.

Ich, die Kreative

Seit Jahren sagt mir mein Umfeld, ich sei ein kreativer Mensch. Oft noch, bevor mich die Menschen näher kennenlernen oder ich mit ihnen gearbeitet habe. Immer schwingt dabei eine gewisse Erwartungshaltung mit, dass ich schnurstracks eine völlig flippige und aussergewöhnliche Idee einbringen soll. Sicherlich, meine pinken Haare, meine bunten Outfits und die pinken Autos tragen zu dieser Wahrnehmung bei. Dazu kommt, dass es in meinem Geschäft oder bei mir zu Hause eher wie in einem Spielwarenladen oder Museum ausschaut. Es kommt deshalb nicht selten vor, dass fremde Leute beim Durchlaufen einfach so reinplatzen; quasi im Glauben, mein Geschäft sei eben öffentlich zugänglich.

In meinem beruflichen Alltag bin ich aber vor allem eines: sehr pragmatisch und lösungsorientiert. Wenn ich meine Kund*innen in Sachen Kommunikation berate und begleite, geht es mir immer um eine Lösung, die implementierbar ist und schlussendlich von allen Mitarbeitenden getragen und gelebt werden kann. Es gehört klar zu meinen Stärken, solche Lösungen zu finden. Diese sind aber meist weder flippig noch ausgefallen.

Für die Lösungsfindung bediene ich mich der Inspiration und Spielerei, was mein pinkes Aussehen oder meine ausgefallenen Büroräumlichkeiten erklärt. Zudem ist das kreative Umfeld für mich ein Mittel zum Zweck, um auf Ideen zu kommen (mehr dazu im Beitrag Inspirationen sind Ideen-Booster). Ohne Inspirationen kämen mir nur bekannte Muster und Lösungen in den Sinn, weil der Mensch per se bequem ist, und weil neue Lösungsansätze zu generieren in der Regel anstrengend ist.

Nicht die Kreativität zeichnet mich aus

Was mich meiner Meinung nach als Lösungspartnerin für Strategie und Kommunikation auszeichnet, ist nicht meine Kreativität, sondern mein kreatives Denken. Darunter verstehe ich, dass ich die Fähigkeit besitze, mich jederzeit auf meine kreative Hirnhälfte zu fokussieren. Die kreative Hirnhälfte sorgt dafür, dass ich im Denken flexibel bin und auch in ungewohnten Situationen oder bei Krisen lösungsorientiert bleibe. Meine kreative Denkweise hilft mir auch dabei, mit Hilfe von Kombinationen und Verknüpfungen aus Bestehendem Neues zu erschaffen. All diese Eigenschaften sind in der heutigen Zeit wichtiger denn je und werden von Unternehmen je länger je mehr gefordert.

Das Paradoxe ist aber, dass weiterhin in jedem Stelleninserat steht: «Wir suchen eine kreative Person, die…». Das Unternehmen sucht aber in der Regel nicht eine Person, die sich ausgefallen kleidet oder musische oder malerische Fähigkeiten hat. Sondern gesucht wird eine Person, die aus jeder Ausgangslage die bestmögliche Lösung findet, selbständig handelt und im Kopf schnell umschalten kann. Zudem soll die gesuchte Person im Team arbeiten können, denn durch den Wissensaustausch und die gegenseitigen Inspirationen kommt ein Unternehmen weiter (vgl. Beitrag Gemeinsam einsam vs. better together). All diese Eigenschaften werden gesucht, wenn in einem Stelleninserat eine kreative Person beschrieben wird. Dabei ist doch vielmehr das kreative Denken gemeint.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema brachte mich dazu, dem Begriff Kreativität bewusst aus dem Weg zu gehen. Nun spreche ich gezielt vom kreativen Denken! Und anstatt Fragezeichen oder Abwehrhaltungen meines Gegenübers, sehe ich in dessen Gesicht nun immer Klarheit und Begeisterung.

Die Angst vor kreativen Menschen

Weshalb der Unterschied zwischen Kreativität und kreativem Denken so zentral ist, habe ich vor einigen Jahren gelernt, als ich einen CEO bei der Erstellung eines Stelleninserates beraten durfte. Als er den Titel «Kreative*r Mitarbeitende gesucht» las, verwarf er die Hände und sagte mir: «Auf keinen Fall noch mehr davon!» Er habe in seinem Unternehmen bereits genügend kreative Köpfe, die ungefragt jeden Tag neue Ideen auf den Tisch bringen. Individualisten, die man nur schwer führen kann. Er brauche Leute, die sich selbständig ums Daily-Business kümmern und dafür sorgten, dass der Absatz stimme. Er suche Personen, die eine gewisse Flexibilität mitbringen und auch mal über den Tellerrand blicken, um ein Problem zu lösen. Ich schaute ihn an und entgegnete: «Ach so… du suchst also eine Person, die kreativ denkt». Und da sah ich ein Lachen in seinem Gesicht.

Quellen:

Jäggi, S. (o. D.): Kreativität. https://web.archive.org/web/20090320062741/http://visor.unibe.ch/SS00/Bestseller/Folien/kreativitt%20internetversion.pdf [zit. 04.08.2020]

Goethe-Institut (2013): Kreativität wird zu einem Leistungszwang. https://www.goethe.de/de/kul/ges/20368887.html#:~:text=Ja%2C%20Kreativit%C3%A4t%20wird%20zu%20einem,der%20psychisch%20belastend%20sein%20kann. [zit. 04.08.2020]